Rennsteiglauf 2016 – Das schönste Ziel der Welt?

Was habe ich mir bei der Anmeldung zum Rennsteiglauf eigentlich gedacht? Bereits im letzten Spätsommer habe ich mich zum Supermarathon angemeldet und auch gleich ein Hotel gebucht. Supermarathon klingt so leicht und angenehm. Aber dahinter verbirgt sich ein Ultramarathon über Waldwege und Trails über 72,7 km und knapp 2.000 Höhenmeten im Thüringer Wald auf dem bekannten Rennsteig. Schon zu DDR-Zeiten war dieser Lauf kult. Und mittlerweile genießt er diesen Kultstatus über die deutschen Grenzen hinaus. Oftmals wird auch vom schönsten Ziel der Welt gesprochen.

Ich hatte also schon so viel darüber gelesen und stellte den Lauf somit auf meine Wettkampf-To-Do-Liste. Und einen Ultra wollte ich ja eh mal laufen. Zu Hause erzählte ich nur, dass ich an einem Wochenende im Mai an einem regionalen Waldlauf teilnehmen möchte. Und schon hatte ich die Zustimmung.

Damals meldete ich mich auch gleich für den eine Woche davor stattfindenden Dämmermarathon in Mannheim an. So konnte ich – dachte ich damals zumindest – noch einen langen langsamen Lauf in der Vorbereitung machen.

Diese Erwartung zerplatzte, als Helmut und Stefan am Start des Marathons in Mannheim sagten, dass sie eine Pace von 4:15 angehen wollten. Also Zielzeit Richtung Sub 3. Einfach nur langsam hinterherlaufen, obwohl ich evtl. auch diese Pace gehen könnte wollte ich dann aber auch nicht mehr. Nach (ganz) kurzer Überlegung schloss ich mich also diesem Vorhaben an. Für Sub 3 hat es ja leider nicht gereicht (siehe Artikel zum Mannheim Marathon), aber ein paar Sekunden über 3 Stunden führte dann doch zu schweren Beinen. Am nächsten Tag bereute ich diesen schnellen Lauf mit Blick auf den kommenden Rennsteiglauf. Also plante ich in der Woche vor dem Ultra nur zwei weitere 5 km Regenerationsläufe ein.

Am Freitag absolvierte ich den letzten Lauf in Braunschweig und dann fuhr ich gleich danach mit dem ICE nach Eisenach. Lt. Google Maps lag mein Hotel ca. 1,7 km vom Bahnhof entfernt. Also eigentlich kein Problem zu Fuß mit Koffer. Ich hätte aber besser im Vorfeld das Höhenprofil studieren sollen. Etliche Höhenmeter lagen am Ende dazwischen, mit denen ich am Samstag Abend nach dem Lauf auch noch kämpfen durfte.

Im Hotel angekommen noch ein Telefonat nach Hause mit einem kleinen Hinweis, dass der Wald hier doch sehr groß ist und ich dann etwas länger unterwegs sein werde stieß auf nicht allzu große Begeisterung.

Danach hieß es Startnummer abholen und an der Original Thüringer Kloßparty teilnehmen. Mit vollem Magen und einem angespannten Gefühl zurück ins Hotel und früh ins Bett. Aufstehen um 3 Uhr. Frühstück als Eigenversorger auf dem Zimmer und um 5:30 stand ich auf dem Marktplatz und genoss die wunderbare Atmosphäre auf dem Marktplatz beim Start. Es kribbelte wie eigentlich vor jedem Start. Das Gefühl hier war aber noch ganz anders. Bei einem Marathon weiß ich mittlerweile was auf mich zukommt. Aber hier kribbelte das Unbekannte. Aufgenommene Gespräche auf dem Marktplatz wie „bin letzte Woche nur noch 170 km gelaufen…“ oder „ich hoffe mein längster Lauf über 60 km reicht diesmal…“ machten mich dann doch ein bisschen nervös.

Lange Zeit darüber nachzudenken hatte ich nicht, weil der Startschuss fiel. Über uns kreiste ein Hubschrauber des MDR der den Start live übertrug. Ich hatte mich recht weit hinten eingereiht da ich nicht wusste was auf mich zukommt. Aber ich merkte relativ schnell, dass da doch etliche „Genussläufer“ dabei sind. Also war zunächst Slalom angesagt. Da ich die Strecke vorher sehr genau studiert hatte war mir klar, dass ich nicht so schnell angehen sollte. Die ersten 25,1 km gingen ab Start fast stetig nach oben. Von 200 m auf über 900 m zum Großen Inselsberg. Meine erste (gedankliche) Etappe ging unglaublich schnell vorbei, wenn man sich so einen Ultra in größere Abschnitte einteilt. Danach ging es ordentlich bergab und so erreichte ich mein geistiges zweites Ziel – 42,2 km – recht zügig und noch recht fit. Ich dachte nur noch: „Hey, fast geschafft. Nur noch 30,5 km!“. Es ist echt unglaublich wie das menschliche Gehirn mit diesen Situationen umgeht. Was vorher fast unerreichbar erscheint wird plötzlich machbar, wenn man sich psychisch darauf einstellt. Bis km 55 lief es fast wie in Trance. Natürlich wurde jeder Verpflegungsstand „mitgenommen“ und auch den berühmten Schleim habe ich probiert (Haferflockenschleim). Vorbei an der DKB Ski Arena in Oberhof und ich wusste jetzt kommt gleich der Anstieg zum höchsten Punkt der Strecke. Auf den letzten Metern zum Gipfel war – wie teilweise auch an anderen Anstiegen – kein Laufen mehr möglich. Oben angekommen freute ich mich auf die letzten Kilometer. Die Knieschmerzen die mich so seit km 50 ärgerten verdrängte ich und ich versuchte die letzten Kilometer das Tempo nochmals anzuziehen als mir zugerufen wurde, dass ich es unter 7 Stunden schaffen konnte. Das realisierte ich wirklich erst ab diesem Zeitpunkt. Also Schmerzen und Müdigkeit ignoriert, vorbei an begeisterten Zuschauern und ab ins schöne Ziel.

Am Ende habe ich tatsächlich eine Zeit unter sieben Stunden erreicht. 6:57:39. Ich war echt positiv überrascht! Da die avisierten Live-Streams im tiefsten Thüringer Wald nicht möglich waren schickte ich direkt im Ziel ein kleines Video in unsere Whatsapp-Gruppe. Das hätte ich mir fast sparen können. Hier wurde live über meinen Lauf berichtet. Wahnsinn! Das motiviert umso mehr. Ein tolles Team!

Danach duschen, ein kostenloses Finisher-Bier abgeholt (Info für Gregor: Köstritzer Schwarzbier) und dann mit einer Suppe aufgetankt. .

Ich bin dann mit dem Shuttle Bus in 1,5 Stunden zurück nach Eisenach gefahren. Aus dem Busfenster konnte ich doch noch etliche Läufer sehen die sich noch auf der Strecke quälten. Da waren bereits knapp 9 Stunden vergangen.

Ob es das schönste Ziel ist kann ich weder bestätigen noch verneinen. Zum einen habe ich noch nicht alle Ziele erlebt. Zum anderen ist für mich jedes Ziel etwas Besonderes. Und der Rennsteig Supermarathon war für mich etwas ganz Besonderes. Das Verschieben der physischen und psychischen Leistungs- und Belastungsgrenzen. Das lehrte mich mal wieder, dass jede Grenze nur im Kopf existiert.

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